Grundsicherung in Deutschland – ein heißes Eisen

Wer in Deutschland als Single Hartz-IV-Gelder bezieht, muss im Monat mit 416 Euro ohne Wohnzuschuss auskommen. Dazu kommen 374 Euro für einen volljährigen, in Bedarfsgemeinschaft lebenden Partner, für ein Kind zwischen sieben und 14 Jahren 296 Euro.

Schätzungen zufolge erhalten aktuell insgesamt mindestens 14.500.000 Menschen Leistungen aus dem Hartz-IV-Topf. Davon sind fast 4.500.000 Kinder unter 15 Jahren und mehr als 2.600.000 Menschen sind sogenannte „Dauerbezieher“. Sie suchen also in der Regel schon länger als zwei Jahre vergeblich eine Anstellung. Schwer vermittelbar wegen Behinderungen, chronischen Krankheiten oder fehlenden beruflichen Qualifikationen bietet ihnen der erste Arbeitsmarkt keine Zukunftsaussichten.

Auch der letzte Cent zählt - R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de
Auch der letzte Cent zählt – R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de

Sie leben im Schatten unserer reichen Gesellschaft

Hinter jeder dieser Zahlen verbirgt sich ein trauriges Einzelschicksal. Viele von ihnen haben sich mit ihrem Los staatlicher Grundsicherung bereits abgefunden. Perspektivlos stehen sie im gesellschaftlichen Schatten unserer reichen, wirtschaftsstarken Gesellschaft. Obwohl sie fast 20 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland ausmachen, haben sie kaum eine Lobby.

Wer in Deutschland von Grundsicherung lebt und den Lebensunterhalt nicht mehr aus eigenen Mitteln bestreiten kann, bleibt also oftmals sozial und finanziell stecken. Denn ein ganzes Bündel von Vorschriften und Regeln bestimmen den Alltag. Sie wollen erst einmal verstanden und eingehalten werden. Fristgerecht müssen Leistungsanträge bei der Agentur für Arbeit und dem Sozialamt eingehen. So addieren sich zum Beispiel Grundsicherung und Kosten für Unterkunft und Heizung (KDU) zu einem monatlichen Gesamtbetrag, der im besten Fall dann für alles ausreicht. Allerdings muss die Kostenübernahme ebenfalls beantragt werden. §22 SGB II (Sozialgesetzbuch, Zweites Buch, Kapitel 3, Abschnitt 2, Unterabschnitt 2) regelt Ansprüche und Vorgehen. Die Grenze zur Armutsgefährdung lag laut europäischem Statistikamt Eurostat zum Beispiel im Jahr 2016 bei einem Einkommen von 1.063,75 Euro.

Pleite - R_by Bernd Kasper_pixelio.de
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Überforderung, Frust und Scham belasten ihren Alltag

Überforderung, Frust und Scham darüber, in eine solche Lage gekommen zu sein, bleiben dabei häufig nicht aus. Der Weg zurück ins „normale Leben“ bleibt leider oft aus vielfachen Gründen verwehrt. Die Allermeisten wünschen sich natürlich, bald wieder selbstbestimmt auf eigenen Beinen zu stehen. Allerdings finden sich viele früher oder später mit ihrer Situation ab und resignieren.

Die Lösung des Übels wäre ein dauerhafter Arbeitsplatz, der sie wieder von staatlicher Unterstützung befreit und ihnen so eigenen und gesellschaftlichen Respekt zurückgibt. Neben individuellen Ursachen, wie zum Beispiel chronischen Erkrankungen, ist und bleibt die Arbeitsplatzsuche für die meisten ein zermürbendes Dauerthema. Psychischer und sozialer Druck verschärfen ihre Alltagsprobleme zusätzlich. Nicht selten neigen die Betroffenen daher zu übermäßigem Alkoholkonsum und Aggressionen. Wer keinen Ausweg mehr aus der finanziellen Spirale findet oder sich ganz aufgibt, landet sogar manchmal obdachlos auf der Straße. Schätzungen zufolge leben in Deutschland ungefähr 900.000 ohne ein festes Dach über dem Kopf. Kein Wunder, dass die Lebenserwartung von Hartz IV-Empfängern und Obdachlosen nachweislich gering bleibt.

Die ARD-Sendung „Maischberger“ vom 24.1.2018 beleuchtet das Thema Obdachlosigkeit aktuell und informativ. Die Sendung ist in der ARD Mediathek online verfügbar bis 25.1.2019  (Dauer 1 Std. 14 Min.).

Wer möchte Hartz IV-Empfängern ihr eigenes Los ernsthaft vorwerfen? Schon morgen kann jeder von uns durch alle möglichen Gründe am finanziellen Abgrund stehen und in einer Abwärtsspirale gefangen sein. Durch Krankheit, Arbeitsplatzverlust, Scheidung, Schulden, Privatinsolvenz.

Ohne empathisches, rücksichtsvolles Verhalten aller Mitmenschen und eine Anhebung der Hartz IV-Bezüge von staatlicher Seite wird sich die sozialgesellschaftliche Situation der Unterstützten nicht verbessern. Jeder von uns trägt Eigenverantwortung, um die vom Schicksal so schwer Geschlagenen tatkräftig unter die Arme zu greifen. Politische Entscheider sollten vorbildlich voranschreiten, mehr finanzielle Mittel im sozialen Bereich bereitstellen und deutlich weniger Gelder in Panzer und Granaten pumpen. Der deutsche Rüstungsetat stieg 2018 gegenüber dem Vorjahr um 4,2%, die Ausgaben für das Ressort Arbeit und Soziales jedoch nur um 2,9%.

© Paul Bock

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