Sechs W-Fragen feuern Ihre Fantasie an

Nach einer Schreibpause nehme ich heute den Faden wieder auf. Vielleicht haben einige von Ihnen bereits ungeduldig auf weitere Beiträge aus dem schreibstueberl gewartet. Da ich aber meine Website oekobeobachter.com sehr intensiv bearbeite, fehlt mir oft die Puste für frischen Wind. Doch nun Schluss mit Vorwort und Erklärungen. Krempeln wir wieder die Ärmel hoch! Haben Sie Lust?

Heute blättern wir im Katalog der „Sechs W-Fragen“: Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Warum?

Die Antworten auf diese Fragen leuchten dunkelste Winkel unserer Fantasie aus. Mit ihnen erschaffen wir dreidimensionale Figuren vor einem verdichteten Hintergrund. Und diese Methode liefert uns einen guten Überblick über Haupt- und Nebenfiguren. Aber auch Schauplätze, zeitlicher Handlungsablauf und logische Beweggründe fiktiver Personen bekommen damit erste Farbanstriche. Alle Mitwirkenden nehmen dabei also schon einmal ihre Plätze probeweise auf der Theaterbühne ein.

Theaterbühne by_Gabriele genannt Gabi Schoenemann_pixelio.de
Theaterbühne by_Gabriele genannt Gabi Schoenemann_pixelio.de

Natürlich benötigt dieses Vorgehen Zeit. Und ohne einen Schrank voller Fantasie geht das nicht. Aber im späteren Schreibprozess stehen wir so auf sicheren Beinen, denn wir haben uns bereits mit Details intensiv beschäftigt. Die Erfahrung zeigt, dass Ihre Fantasie dabei Sprünge macht. Machen Sie also dazu Ihren Schrank weit auf. Sie werden staunen.

Je tiefer Sie dann in Ihrem Fantasiefundus kramen, umso intensiver werden Sie auch an den Antworten auf die „Sechs W-Fragen“ feilen und raspeln. In der gleichen Weise wie Sie später bei der schriftlichen Ausarbeitung die Spreu vom Weizen trennen.

 

Raspeln und feilen Sie! by_w.r.wagner_pixelio.de
Raspeln und feilen Sie! by_w.r.wagner_pixelio.de

 

Solange bis Sie sich zufrieden zurücklehnen und sich sagen: Ja, das passt so. Im Prinzip entpuppt sich jeder Schreibprozess als vielfätige Entwicklung. Dabei führen Sie Regie. Sie sind der Macher. Eine gute Geschichte zu formen und zu kneten macht viel Spaß. Dabei entscheidet der fruchtbare Pakt zwischen Kreativität und Eigendisziplin maßgeblich über Ihren Erfolg. Schließlich möchten Sie, dass die Leser Ihr Werk nicht mehr aus der Hand legen.

Intensive Planung und klarer Überblick führen Sie sicher ans Ziel

Wer?

Welche Personen agieren in Ihrer Geschichte? Wie sehen sie aus? Liegen markante Körpermerkmale vor, wie zum Beispiel eine Hakennase oder ein breites Kinn? Wie sprechen sie? Was machen sie beruflich? Welchen Hobbies gehen sie nach? Welche sozialen Kontakte pflegen sie zum Beispiel in der Familie und im Freundeskreis? Leben sie gesellig oder eigenbrötlerisch, als Single oder in einer Partnerschaft? In welchem gesellschaftlichen Umfeld agieren sie? Welche Schulbildung trägt sie durch´s Leben?

Ideen sammeln_by_Jorma Bork_pixelio.de
Ideen sammeln_by_Jorma Bork_pixelio.de

 

Überlegen Sie sich zu jeder einzelnen Figur, wie sie „tickt“: Welchen Charakter hat sie? Welche Eigenheiten, Vorlieben und Schwächen zeichnet sie aus? Welche Ziele und Wünsche verfolgt sie? Was treibt sie also an? Was hat sie in der Vergangenheit erlebt und vielleicht geprägt?

Versuchen Sie bitte, sich ganz intensiv mit den Einzelpersonen Ihrer Geschichte zu beschäftigen. Dann wissen Sie, wie sie in konkreten Situationen reagieren. Das erzeugt bei Ihren Lesern Glaubwürdigkeit und verdichtet Ihre Geschichte auf einer realen Ebene. Schließen Sie zum Beispiel Ihre Augen und stellen Sie sich einzelne Figuren der Reihe nach vor. Führen Sie im Geiste Gespräche mit ihnen. Hören Sie fiktiven Dialogen zwischen ihnen zu. Auf diese Weise lernen Sie sie allmählich sehr genau kennen.

Wenn Sie möchten, erstellen Sie eine Tabelle. by_I-vista_pixelio.de
Wenn Sie möchten, erstellen Sie eine Tabelle. by_I-vista_pixelio.de

Versuchen Sie also, soviel als möglich aus der Fundgrube Ihrer Fantasie zu den Personen auszugraben. Wenn es Ihnen leichter fällt, machen Sie sich dazu eine Tabelle. Damit gewinnen Sie einen guten Überblick, den Sie jederzeit ergänzen können.

Was?

Die Antworten auf diese Frage beschreiben zum Einen natürlich den Handlungsablauf. Zum Anderen aber ebenso die Einzelszenen. In welcher logischen Reihenfolge laufen diese ab? Oder macht es Sinn, vielleicht zwischendurch Rückblenden einzubauen, um zum Beispiel die Spannung zu erhöhen? Erfahrungsgemäß schafft auch hier eine saubere, ergänzbare Tabelle einen guten Überblick.

Manche Autoren skizzieren sich dazu auch Einzelszenen auf separaten Dokumenten, um später Ergänzungen leichter vorzunehmen. Aber auch, um im Szenenablauf noch offen zu bleiben. Der Eine oder Andere mag auch Mindmaps, Flipcharts oder Pinwände dazu einsetzen. Versuchen Sie, Ihre eigenen Mittel und Wege zu finden, die Ihnen Arbeit erleichtern. Egal, welche Technik Sie verwenden: wichtig bleibt Ihr Überblick über einzelne Handlungsstränge.

Erstellen Sie eine Tabelle_by_Jürgen Oberguggenberger_pixelio.de
Erstellen Sie eine Tabelle_by_Jürgen Oberguggenberger_pixelio.de

 

Kleiner Tipp für Sie:

Versuchen Sie, grundsätzlich effizient vorzugehen. Denn die Uhrzeiger laufen unerbittlich. Setzen Sie sich daher am besten Zeitziele. Nehmen Sie sich zum Beispiel vor, in den nächsten 45 Minuten bis zu einem bestimmten Punkt zu kommen. Lassen Sie sich aber bitte trotzdem nicht hetzen. Bleiben Sie konzentriert. Denn die Einzeletappen bestimmen Sie selbst. Finden Sie Ihren eigenen Takt, den Sie stressfrei bewältigen. Und denken Sie bitte an erholsame Pausen, die Sie am besten fern des Schreibtisches verbringen.

Machen Sie regelmäßig Pausen / by_Petra Bork_pixelio.de
Machen Sie regelmäßig Pausen / by_Petra Bork_pixelio.de

Wo?

In welchem Umfeld spielt Ihre Handlung? In städtischer Umgebung, auf dem Land, im Ausland, in der Einsamkeit? Wo fühlen sich Ihre einzelnen Figuren ihrem Charakter nach wohl? Wohin hat sie ihr Schicksal verschlagen? Wo leben sie gerne? Welche verschiedenen Schauplätze erfordert Ihre Geschichte?

Wählen Sie zum Beispiel nur ein Zimmer oder eine Wohnung als Handlungsort, mag das durchaus sinnvoll sein. Die Leser sollten aber immer wissen, wo sie gerade zuhören und zuschauen. Ohne Beschreibungen – soweit als nötig – geht das nicht. Denn überall regieren andere Einflüsse: Düfte, Geräusche und Gefühle.

Eine Wanduhr tickt, ein Hahn kräht, süßer Makronenduft liegt auf der Zunge. Unzählige andere Eindrücke fließen in Ort und Szene ein. Hauchen Sie also nicht nur Ihren Figuren Leben ein, sondern auch den Schauplätzen. Gestalten Sie Ihre Szenen lebensnah, soweit es Ihnen sinnvoll erscheint. Denn Leser möchten sich nicht gern langweilen und lange Beschreibungen oder Stimmungsmalereien nachvollziehen. Wägen Sie also am besten ab, welche Details für sie von Belang sind. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.

Wann?

Vor welchen zeitlichen Hintergrund stellen Sie Ihre Bühne auf? Im Hier und Jetzt? Wählen Sie einen historischen oder zukünftigen? Eine mittelalterliche Handlung zum Beispiel erfordert detailierte Recherchen. Und auch die Sprache muss zeitgemäß sein. Erfahrene Autoren spezialisieren sich daher gern auf bestimmte Epochen. So nähren sie ihren Stoff aus einem stetig wachsenden Recherchefundus. Wie journalistische Fachautoren erweitern sie damit beständig ihr Zeitwissen.

Welchen zeitlichen Hintergrund wählen Sie? by_Rike_pixelio.de
Welchen zeitlichen Hintergrund wählen Sie? by_Rike_pixelio.de

 

Wenn Sie Ihre Handlung lieber in die Zukunft beamen möchten, öffnen Sie wieder Ihren Fantasieschrank. Nachdem Sie sich intensiv mit dem Thema „Zukunft“ beschäftigt haben, purzeln Ihnen sicherlich gute Ideen in die Hände, die spannenden Stoff liefern. Fahren Sie Ihre Fühler weit aus und saugen Sie vielversprechende Informationen auf. Sammeln Sie „Nektar“, aus dem Sie kurzweiligen Lesestoff herstellen. Der Markt für Science-Fiction-Storys findet eine breite Fangemeinde.

Wie?

Ort und Zeit bestimmen eine Geschichte nur am Rande. Menschen aber tragen sie und geben ihr eine Richtung. Ihr Tun und Lassen treibt die Handlung voran. Dabei klemmen sie manchmal in eigenen Konflikten fest, vermeiden oder suchen Auseinandersetzungen mit anderen. Bewusst oder unbewusst. Daher müssen wir uns schon in der Planungsphase intensiv damit beschäftigen:

Wie verfolgen Figuren ihre Ziele? Sind sie zum Beispiel bereit, zu lügen? Welche Ziele verfolgen sie offen oder heimlich? Wie erzählen wir den Lesern glaubhaft, was in ihnen vorgeht? Immerhin geben wir jeder Person ein Gesicht, Sprache und Gestalt. Die wahren Gewürze darüberhinaus sind aber Gefühl und Persönlichkeit. Wir hauchen ihnen also auch eine Seele ein. Dieses Vorgehen vernetzt das „wer“ mit dem „wie“.

 

Figuren ausmalen / by_meinbier_pixelio.de
Figuren ausmalen / by_meinbier_pixelio.de

 

Sie erkennen, dass die Antworten auf die „Sechs W-Fragen“ sich eng miteinander verbinden. Ihr Netzwerk wird dichter und dichter, je mehr Sie versuchen, aus Figuren und Handlung herauszuholen. Es trägt Ihre Geschichte sicher bis zur letzten Szene.

Warum?

Die Frage nach dem „warum“ stochert in Motiven und Beweggründen. Sie ermöglicht uns im Netzwerk der Vorplanung Lücken zu schließen und neue Verknüpfungen fest zu zurren. Warum vertritt Ihre Hauptfigur zum Beispiel vehement einen bestimmten Standpunkt? Warum entwickelt sich eine Nebenfigur vom Gegner zum Freund? Wieso wandelt sich Hoffnung in Enttäuschung? Natürlich bleiben auch die Antworten auf diese Frage ohne die bereits behandelten sinnlos.

Sie sehen, alle genannten W-Fragen lassen sich untereinander kombinieren und verquicken. Damit knüpfen Sie ein dichtes Knotennetz, das Figuren, Gesamthandlung, einzelne Handlungsstränge und Schauplätze miteinander verbindet und sicher trägt. Auf diesem Netz folgen Leser gerne Ihrer spannenden Geschichte.

Das empfohlene Vorgehen verbessert Ihre Planung einer guten Geschichte. Es gestaltet sich zwar etwas aufwändig, macht aber sehr viel Spaß. Sie werden eine neue Welt erschaffen, in die Sie allmählich hineinwachsen. Dann stehen Sie mit Ihren Figuren auf Du und Du.

Dazu wünsche ich Ihnen erstmal gutes Gelingen.

 

Die folgenden zwei Beiträge aus dem schreibstueberl mögen die „Sechs W-Fragen“ gut ergänzen:

Wie Geschichten laufen lernen

Lebendige Geschichten entwickeln

© Paul Bock

 

4 Kommentare zu „Sechs W-Fragen feuern Ihre Fantasie an

  1. Danke für deinen Beitrag. Diese Vorgehensweise zum Schreiben finde ich sehr gut.
    Seit vielen Jahren trage ich in mir den Wunsch, mich mal an einem Roman zu versuchen und nicht nur Gedichte zu schreiben. Bisher bin ich nie über eine kurze Einführung oder ein paar Fragmente hinaus gekommen. Mit den sechs W-Fragen und den Gliederungen hat man eine gute Übersicht, Einteilung und kann Ideen dazu entwickeln. Vielleicht mal irgendwann starte ich noch mal einen Versuch mit dieser Vorgehensweise. Vielleicht ist es mir aber auch nicht gegeben Romane zu schreiben und ich finde mich damit ab.

    Liebe Grüße
    Ariana

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Ariana,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar zu meinem Beitrag „Sechs W-Fragen feuern Ihre Fantasie an“. Ich freue mich immer,
      wenn Tipps und meine Erfahrung auf nährreichen Boden fallen.

      Da wir uns beide schon lange mit Sprache und Text beschäftigen, wissen wir, dass harte Arbeit dahinter steckt.
      Natürlich fällt uns die Arbeit leichter, wenn wir gerne schreiben und die Werkzeuge dazu bereitliegen. Aber ich glaube,
      die Motivation ist wichtiger als das Knowhow.

      Vielleicht hast Du im schreibstueberl (https://schreibstueberl.wordpress.com) bereits das eingebettete Video
      „Kreatives Schreiben lernen“ entdeckt. Das möchte ich Dir empfehlen. Dort berichten junge Autoren über ihren
      Schreibprozess und ihre Erfahrungen.

      Du wirst auch einmal Kurzgeschichten schreiben, da bin ich mir sicher. Für Romane braucht man – glaube ich –
      viel Puste. Enttäuscht wäre ich allerdings, wenn Du KEINE Gedichte mehr veröffentlichst. Denn auf dem
      Gebiet bist Du wirklich spitze!

      Lieber Gruß vom Paul

      Gefällt 1 Person

      1. Danke Paul für deine Antwort. An Kurzgeschichten habe ich mich auch schon ausprobiert. Als ich 2013 meinen Blog anfing, wollte ich eigentlich hauptsächlich Kurzgeschichten schreiben, vor allem zum Üben. Hmm, es hat aber nicht lange gedauert und es kamen Gedichte. Vielleicht sollte ich dabei bleiben, denn ich mag Poesie sehr, lese auch viel Lyrik und liebe es lyrisch zu schreiben. 🙂
        Danke für deine Ermutigung.

        Schöne Abendgrüße Ariana

        Gefällt 1 Person

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