Lebendige Geschichten entwickeln

Kennen Sie das auch? Eine Geschichte fesselt Sie so, dass Sie Raum und Zeit vergessen. Sie hören, sehen, fühlen, schmecken und riechen in einer fiktiven Welt und haben die Realität völlig ausgeblendet.

Sie denken jetzt an spannende Kriminalgeschichten? Das liegt nahe. Aber auch andere gute Erzählungen ohne Mord, Totschlag und Tätersuche finden viele treue Leser. Natürlich nur, wenn die Handlung Sie mitreisst, und Sie von Seite zu Seite ungeduldig wissen möchten, wie es weitergeht. Wie sich Knoten und Konflikte auflösen. Wer selbst schreibt, möchte die eigene Leserschaft am liebsten in eben diese Situation bringen. Um diesem hohen Ziel näherzukommen, versuchen wir heute, einer Geschichte Leben einzuhauchen und sie zu entwickeln.

Jugendlicher Leser © Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de
Jugendlicher Leser © Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de

Im Beitrag „Wie Geschichten laufen lernen“ haben wir bereits besprochen, wie wir Ideen für neue Geschichten finden. Am besten holen Sie sich dazu Eindrücke, Bilder, Situationen und Personen aus Ihrem eigenen Alltag und Umfeld hervor. Legen Sie aber bitte Ihrer Fantasie und Intuition keine Zügel an. Damit Ihre neue Story das Licht der Welt völlig zwanglos erblickt. Nutzen Sie die völlige Freiheit, die uns das Schreiben als kreative Tätigkeit bietet.

Maschen aufnehmen

Nehmen wir also den Faden wieder auf, und stricken wir daran weiter. Im oben genannten Beitrag „Wie Geschichten laufen lernen“ finden wir die Maschen, an denen wir jetzt ansetzen.

strickende Hände © isinor_pixelio-de
strickende Hände © isinor_pixelio-de

Sie erinnern sich vielleicht noch an das praktische Beispiel, das Ihnen gezeigt hat, wie wir kleine Puzzleteile einer neuen Geschichte auf den Tisch zaubern: Sehen Sie vor Ihrem geistigen Auge jetzt noch den Mann, der auf einer Parkbank eine Zigarette geraucht hat? In einem kurzen Dialog mit seinem Bekannten Walter haben wir über ihn Näheres erfahren: er heisst Jens und ist geschieden. Deshalb wohnt er wieder bei seiner Mutter. Das ist ihm unangenehm. Wir wissen außerdem, dass sich Jens Mutter ständig über alles Mögliche sorgt.

Puzzleteile © harry256_pixelio.de
Puzzleteile © harry256_pixelio.de

Erste Farben auf der Leinwand

Ja, nun liegen uns ein paar dünne, aber immerhin brauchbare Details vor, um schon mal vorsichtig Pinsel in Farben zu tauchen. Allerdings bleiben noch Fragen offen: Welche Farbtöne harmonieren miteinander, welche wirken schrill? Wie arrangieren wir interessante Farbverläufe, die den kritischen Betrachter von guter Qualität überzeugen.

Aquarellmalerei © Helene Souza_pixelio.de
Aquarellmalerei © Helene Souza_pixelio.de

Die Antworten auf die genannten Fragen erhalten wir, wenn wir uns nun mit den handelnden Personen näher beschäftigen. Denn Menschen schillern in ihrer Einzigartigkeit – um im Bild zu bleiben –  wie einmalig komponierte Farben. Im besten Fall spiegelt ihr Umfeld das entsprechend wider: ihre gesellschaftlichen Stellungen, ihre Berufe und Hobbys, ihre Vorlieben, Schwächen und Probleme. Kein Mensch ist wie ein anderer und zeichnet sich gegenüber seinen Mitmenschen durch eigenes Verhalten, Mimik und Sprechweise etc. aus. Versuchen wir also, zunächst der Hauptperson Leben einzuhauchen.

Wer eignet sich als Hauptperson?

Wer füllt wohl den Charakter der Hauptperson unserer Geschichte am besten aus? Meines Erachtens ist Jens durchaus eine gute Wahl. Aber bisher ist er noch farb- und formlos. Erweitern wir also die vorliegenden Informationen über ihn durch weitere glaubwürdige Details. Machen wir aus ihm eine lebendige Figur aus Fleisch und Blut. Eine konfliktfähige Figur, die damit auch eine gute Geschichte trägt.

Karikatur_Mann_r_meinbier_pixelio.de
Karikatur_Mann_r_meinbier_pixelio.de

Überlegen wir uns also, wie er aussieht, wie er spricht, welche Eigenarten er zeigt, wie sich diese und sein Charakter ausdrücken, usw. Versuchen wir, unsere Hauptperson als „realen Menschen“ zu erschaffen. Auch jetzt spielen wir unsere unendliche Fantasie aus. Immerhin entscheiden wir erst später beim Schreiben, welche seiner Qualitäten, Dellen und Macken wir betonen oder vielleicht nur skizzieren. Dabei sitzen wir zwar im Regiestuhl, müssen aber regelmäßig auch durch die Brille der Leser schauen und uns fragen: wie erleben die Leser die Geschichte?

Um Jens‘ Farbspektrum – also seine Eigenschaften, Charakterzüge usw. – genau zu bestimmen, stellen wir uns die bekannten sechs W-Fragen. Oder wir befragen ihn selbst, falls Jens vor unserem geistigen Auge bereits Farbe gewonnen hat. So oder so, diese Recherche ist ein wichtiger Schritt im weiteren Vorgehen. Bei Nebenfiguren, die nur am Rande des Geschehens erscheinen, verfahren wir in gleicher Weise. Damit gelingt es uns, alle Figuren nach und nach immer mehr zu verdichten. Nämlich möglichst lebensecht und konsequent. Mögliche Konflikte zwischen den Figuren erkennen wir dadurch schon frühzeitig. Was wir später daraus machen, liegt natürlich ganz an uns.

Kesselheizer_auf_Schiff © Peter von Bechen_pixelio.de
Kesselheizer_auf_Schiff © Peter von Bechen_pixelio.de

Wenn Sie weiter am Ball bleiben möchten, werden wir im nächsten Beitrag unseren Fantasiekessel wieder gemeinsam unter Dampf setzen. Am besten wird uns Jens dann selbst die sechs W-Fragen beantworten.

 

© Paul Bock

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